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29. Mai 2017, 15:54 Uhr

Jahrestreffen Raumcon-Forum und Raumfahrer Net 2017

Mitglieder und Freunde des Raumcon-Forums und des Vereins Raumfahrer Net trafen sich vom 22. bis 27. Mai 2017 zum jährlichen Erfahrungsaustausch in Potsdam und zu Exkursionen in und um Berlin.

Dieses Jahr fand das Treffen von Mitgliedern und Freunden des Raumcon-Forums und des Vereins Raumfahrer Net in Potsdam/Babelsberg statt. Die Exkursionen führten nach Berlin und ins Umland. Neben den Besichtigungen und Vorträgen dient das jährliche Treffen auch dem Kennenlernen der anderen Raumfahrt- und Astronomiebegeisterten und dem Austausch mit alten Freunden. Das diesjährige Treffen wurde organisiert durch Steven Münker und Andreas Weise.

Anreise und Kennenlernen, Montag 22. Mai 2017

Stefan Goth

Bild vergrößernJugendherberge Potsdam/Babeslberg
(Bild: Stefan Goth)
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland, Österreich und den Niederlanden trafen über den Tag verteilt in der Jugendherberge Potsdam-Babelsberg ein, die Zimmer wurden verteilt und der Tagungsraum mit Fotos aus Raumfahrt und Astronomie geschmückt und für Vorträge vorbereitet.

Bildquelle

Bild vergrößernRaumcon-Tasse 2017
(Bild: Axel Nantes)
Der erste „offizielle“ Programmpunkt war das gemeinsame Abendessen. Daraufhin wurde von den Organisatoren das Programm der Woche vorgestellt und erläutert. In diesem Rahmen wurde auch die Raumcon-Tasse des Jahres 2017 vorgestellt. Diese ist der ersten Wiederverwendung einer geflogenen Erststufe von SpaceX gewidmet. In Kürze kann die Tasse auch über den Webshop bestellt werden.

Neben dem gemütlichen Abend unter Sternen auf der Terrasse wurden im Tagungsraum zwei Filme mit Raumfahrtbezug gezeigt.

Wissenschaftsgeschichte und PTScientists, Dienstag 23. Mai 2017
Nach einem reichhaltigen Frühstück machten sich rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Weg zur Archenholdsternwarte im Berliner Stadtteil Treptow. Unterwegs wurde das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park besichtigt.

Axel Nantes

Bild vergrößernGroßer Refraktor, Archenholdsternwarte Berlin-Treptow
(Bild: Axel Nantes)
Das eigentliche Ziel des ersten Ausflugs war allerdings die Archenholdsternwarte in Treptow.
Dort führte Herr Dr. Lühning, Direktor der Sternwarte, zunächst auf das Dach, um bei strahlendem Sonnenschein den „Großen Refraktor“, das größte bewegliche Linsenfernrohr der Welt, zu zeigen und seine Mechanik vorzuführen. Der Refraktor wurde ursprünglich von Friedrich Wilhelm Archenhold (02.10.1861 – 14.10.1939) für eine Gewerbeausstellung konzipiert und gebaut. Eigentlich sollte das Fernrohr nach der Ausstellung abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Allerdings wurde die Linse mit 68 cm Durchmesser nicht rechtzeitig fertig, so dass nur ein kleineres Teleskop während der Ausstellung genutzt werden konnte. Dieser Umstand und das schlechte Wetter führten dazu, dass die notwendigen Einnahmen nicht erzielt wurden. Nur der grobe Antrieb wurde realisiert, der Einbau der Feinjustage und der Abbau unterblieben wegen Geldmangel. Aber auch der grobmotorische Antrieb funktioniert, dank wiederholter Restaurationen, heute noch und mit etwas Geschick sind weiterhin Himmelsbeobachtungen mit dem Gerät möglich.

Stefan Goth

Bild vergrößernSpiegelteleskop der Archenholdsternwarte
(Bild: Stefan Goth)
Für eine praktische Demonstration wechselte dann die Gruppe zum Cassegrain-Spiegelteleskop, das in einem separaten 5 Meter durchmessenden Gebäude untergebracht ist. Trotz des strahlenden Sonnenscheins mit wenigen Wolken, konnten nach einer kurzen Einführung alle die Venus mit ihrer Halbphase durch das Okular beobachten.

Als Abschluss der Besichtigung der Archenhold-Sternwarte wurde durch ein Forumsmitglied ein Vortrag über Einsteins Relativitätstheorie im selben Raum gehalten, in dem Albert Einstein 1915 erstmals öffentlich über seine Allgemeine Relativitätstheorie referiert hatte.

Der Nachmittag führte zur Firma
Axel Nantes

Bild vergrößernAudi Lunar Quattro Rover und ALINA
(Bild: Axel Nantes)
PTScientists GmbH, die aus den ursprünglich in ihrer Freizeit tätigen Googl-Lunar-X-Prize-Teilnehmern „Part Time Scientists“ hervorgegangen ist.

Michael Mußler führte durch die erst vor wenigen Wochen bezogenen Räume (passenderweise gleich neben der Allee der Kosmonauten!). In einem spannenden Vortrag stellte er Mission, Vision und Team vor, das mit einem selbst entwickelten Mondlander (ALINA) zwei fernsteuerbare Rover auf der Mondoberfläche absetzen will. Er erläuterte auch dass PTScientists nach dem Gewinn von zwei Milestone-Preisen (Mobilität und Kamerasystem) aktuell nicht mehr den Gewinn des Hauptpreises für die erste private Landung auf dem Mond anstreben. Geschäftsziel sei es dagegen Nutzlast, z.B. für wissenschaftliche Einrichtungen, auf dem Mond abzusetzen und die komplette Missionsdurchführung als Dienstleistung anzubieten.

Stefan Goth

Bild vergrößern3D-gedrucktes Aluminiumrad
(Bild: Stefan Goth)
Auf dem anspruchsvollen Weg dorthin werden sie schon seit einiger Zeit durch die Fa. Audi unterstützt. So wurde nicht nur das Design der Rover „verschönert“ sondern mit Hilfe der Audi Ingenieure und deren Entwicklungslabors auch das Gewicht von ursprünglich 40 kg auf 25 kg fast halbiert. Viele Teile werden bei Audi im Laser-Sinterverfahren als additives 3D-Druckverfahren aus Aluminiumlegierungen gefertigt. Die erst vor kurzem eingetroffenen neuen Räder, die den Rovern noch mehr Traktion im Gelände verschaffen sollen, konnten von allen Seiten begutachtet werden. Hierzu wurden Vorteile, wie weitgehend freie Gestaltung des Bauteils und Nachteile, z.B. die nötige aufwändige Nacharbeit, fachkundig diskutiert.

Noch mit den alten Rädern wurde ein Rover im Mond-Testbed vorgeführt. Durch seine vier unabhängig angetriebenen und separat steuerbaren Räder kann der Rover bei Bedarf in alle Richtungen fahren; anders als sechsrädrige auch seitwärts! Bei ca. 10° Steigung war allerdings Schluss bzw. wühlte sich der Rover in das Kunst-Regolith, das aus Lava-Asche bzw. Lava-Gestein besteht.

Als weiteren Partner konnte PTScientists vor kurzem die Fa. Vodafone gewinnen. Mit deren Hilfe soll auf dem Mond ein Mini-Mobilfunknetz (LTE der fünften Generation) zwischen Lander und den beiden Rovern aufgebaut werden. Neben der reinen Funktionalität hat dies auch Vorteile für das Energiemanagement. Sollten nämlich die Rover nach einigen Kilometern aus dem Empfangsbereich des Landers, der zunächst die Fernkommunikation zur Erde übernehmen soll, herausfahren, müssen sie mit einer separaten Antenne direkt mit der Bodenstation Kontakt halten. Dafür wird dann allerdings die Hälfte des gesamten über Solarzellen bereitgestellten Leistung benötigt. Mit der LTE-Technik liegt der Leistungsbedarf bei nur einem Watt.

Während vom Audi Lunar Quattro Rover bereits funktionsfähige Prototypen getestet werden, zeigt das Mock-Up des Landers ALINA (Autonomous Landing and Navigation Module) zwar bezüglich der vier Landefüße ausgeklügelte Konstruktionsdetails, aber für die „inneren Werte“ (Triebwerke, Treibstoffversorgung, Batterien, Thermalmanagement, Bordcomputer etc.), die Landeprozedur und die notwendige autonome Navigation scheint noch erhebliche Entwicklungsarbeit notwendig. Angesichts eines anvisierten Starts in 2018 müssten die Prozeduren und Programme eigentlich schon weitgehend fertiggestellt sein und getestet werden.

Am Abend trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Abendessen in der Jugendherberge. Der Tag wurde mit einem Vortrag von Joachim Boensch zur Mars-Architektur von SpaceX abgerundet.

Planetenforschung und ein Mikroskop für Raum und Zeit, Mittwoch 24. Mai 2017
Nach dem obligatorischen Frühstück ging es zum Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof. Der Planetologe Ulrich Köhler gab eine informative Einführung in die Arbeit des DLR-Standorts und des Instituts für Planetenforschung. Dabei nahm insbesondere der Mars breiten Raum ein. In einem weiteren Vortrag ging es um das spannende Thema „Suche nach extrasolaren Planeten“. Anschließend konnten die Anwesenden in die dreidimensionale Welt der Marsoberfläche eintauchen, die aus Aufnahmen der HRSC-Kamera (High Resolution Stereo Camera) von Mars Express errechnet wurden.

Stefan Goth

Bild vergrößernSpeicherring BESSY II
(Bild: Stefan Goth)
Der Nachmittag war dem Speicherring BESSY II, der Photonenquelle des Helmholtz Zentrums in Berlin-Adlershof gewidmet. Frau Kolatzki führte die Gäste zunächst in Funktion und Aufgaben des Elektronenspeicherrings BESSY II ein. Danach gab es eine ausführliche Führung durch das Donut-förmige Gebäude, das den Speicherring und die zahlreichen Messplätze beherbergt.

Nach dem Abendessen in der Jugendherberge führte Peter Schramm in einem Vortrag zu „Meilensteinen der Astronomie“ von den ersten bekannten Himmelsbeobachtungen bis zum Ende des 19ten Jahrhunderts in die spannende Welt der Astronomiegeschichte ein.


Astronomie und Raumfahrt sind auf Funktechnik angewiesen, Donnerstag 25. Mai 2017
Stefan Goth

Bild vergrößernFunkerberg Königs Wusterhausen
(Bild: Stefan Goth)
Wieder war das gemeinsame Frühstück der Start in einen ereignisreichen Tag. Nach einer längeren Fahrt mit der Berliner S-Bahn kamen die Astronomie- und Raumfahrtfans nach Königs Wusterhausen und machten sich an den „Aufstieg“ auf den Funkerberg (lt. Wikipedia eine „bis zu 67,5 Meter hohe, […] Erhebung“). Dort wurden sie von Herrn Suckow vom Förderverein „SenderKW e.V.“ und seinen Mitstreitern empfangen. Zunächst gab es im historischen Kultursaal eine Einführung in das Thema Satelliten-Amateurfunk und dann eine praktische Demonstration unter freiem Himmel. Mit einer einfachen sog. LogPer-Antenne (logarithmisch periodischen Antenne) auf einem Fotostativ, einem Funkgerät (Transceiver), zwei Laptops und ein bisschen frei verfügbarer Software gelang es sowohl die Antenne auf den Experimentalsatelliten EO-88 auszurichten, als auch dessen Telemetrie-Daten auszulesen.

Die Pause bis zum Überflug des nächsten Amateur-Satelliten nutzte die Gruppe, um sich von den Funkerberg-Enthusiasten den historischen Notstromdiesel der Fa. Deutz, Baujahr 1937 mit 1000 PS vorführen zu lassen.

Danach folgte eine Demonstration mit einem weiteren Experimentalsatelliten als Funkrelay. In der kurzen Überflugzeit gelang es Sprechkontakt mit holländischen und französischen Amateurfunkern aufzunehmen.

Eine hochinformative Führung durch ausgewählte Stationen des Sender- und Funktechnikmuseums rundete die Besichtigung ab. Leider war nicht Zeit genug, um alle Exponate und Informationen ausreichend zu würdigen. Trotzdem bekamen die Raumconler einen Eindruck von den ersten erfolgreichen Schritten zum Aufbau und Entwicklung des Rundfunks in Deutschland.

Nach dem obligatorischen Abendessen folgte ein Vortrag von Dr. Karlheinz Steinmüller (Freie Universität Berlin, Zukunftsforscher, Sci-Fi-Autor, Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH) zum Thema „Zukunftsforschung“. Das Thema führte zu angeregten Diskussionen bis spät in die Nacht.

Modernstes Planetarium und ganz nah am Nachrichten-Puls der Hauptstadt, Freitag 26. Mai 2017
Stefan Goth

Bild vergrößernZEISS Großplanetarium Berlin/Prenzlauer Berg
(Bild: Stefan Goth)
Nach dem Frühstück machte sich die Gruppe auf den Weg zum Zeiss-Großplanetarium Berlin-Prenzlauer Berg. Dort wurden sie von Tim Florian Horn, Leiter Zeiss-Großplanetarium Berlin Prenzlauer-Berg und kommissarischer Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin, empfangen. Er führte uns über kubanischen grauen Marmor durch die gerade neu sanierten Räume des ursprünglich 1987 noch zu DDR-Zeiten eröffneten Gebäudes. Neben einem auf moderne 3D-Technik aufgerüstetem Kino wird vor allem das modernste Planetarium Europas beherbergt. Herr Horn gab einen tiefen Einblick in die hochmoderne Projektionstechnik und löste mit immer neuen Highlights große Begeisterung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus. Gerne wären diese noch stundenlang in den bequemen Liegesitzen geblieben und hätten noch mehr Wissenschaftstheater mit Lasershow, Nebelmaschine und Steinway-Flügel genossen. Aber ein enger Zeitplan zwang schnell wieder zum Aufbruch.

Auf dem Weg zur nächsten Station ließen es sich einige Raumfahrt-Fans nicht nehmen in der Bar Gagarin einzukehren, die auch den regelmäßigen Berliner Raumfahrer-Stammtisch beherbergt.

In Berlin Mitte gab es dann einen tiefen Einblick in die Arbeit im ARD-Hauptstadtstudio. Dort führte der Technische Leiter Herr Schäffer durch die Radio- und Fernsehstudios. Hier gewann die Gruppe einen Eindruck von den Aufgaben der unterschiedlichsten Berufsgruppen bei Radio und Fernsehen.

Den Tagesabschluss und auch das programmatische Ende des Raumcon-Treffens bildete das Grillen am Abend in der Jugendherberge. Neben den wie immer sehr angeregten Fachgesprächen bildete ein sehr gut sichtbarer ISS-Transit ab 23:22 Uhr mit ca. 3,8 mag und rund 70° Höhe den letzten Schluss- und Höhepunkt.

Abschied, Samstag 27. Mai 2017
Auch die spannendste Veranstaltung ist irgendwann zu Ende. Nach einem letzten Frühstück wurde der Tagungsraum aufgeräumt, man dankte den beiden Hauptorganisatoren, verabschiedete sich und nach und nach machten sich alle auf den Heimweg.

Den zahlreichen oben erwähnten Kontaktpersonen und weiteren unerwähnten Ansprechpartnern sei an dieser Stelle noch einmal im Namen der Organisatoren, der Teilnehmer und des Vereins Raumfahrer Net für ihr Entgegenkommen und Unterstützung ganz herzlich gedankt!

Eine offizielle Ankündigung für das nächste Treffen steht noch aus. Aber es laufen bereits Sondierungen und Abstimmungen im Hintergrund, so dass die begründete Hoffnung besteht, dass es auch 2018 ein Raumcon-Treffen geben könnte.

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Quelle: Raumfahrer.net, PTScientists, DLR, Helmholtz Zentrum Berlin, Stiftung Planetarium Berlin
Autor: Stefan Goth

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