zur Nichtmobil-Version

26. September 2017, 08:50 Uhr

Rückblende: Es begann mit einem Piep ...

Am 4. Oktober 1957 startete der erste künstliche Erdsatellit Sputnik 1. Mit ihm begann vor 60 Jahren das Zeitalter der Raumfahrt.

Das ist der Beginn einer neuen Ära: Das Bewusstsein der kosmischen Existenz der Menschheit.

Überall auf der Welt haben die Menschen das von Sputnik 1 gesendete Signal, hörbar als deutlich vernehmbares Piepen, empfangen. Damit war an diesem 4. Oktober 1957 ein Jahrhunderte alter Traum der Menschheit erfüllt. Der Mensch hat zum ersten Mal in der Geschichte selbst einen Himmelskörper erschaffen. Der Körper hat die Erdanziehungskraft überwunden und den Weltraum erobert.

Und wir haben ein neues Wort zu unserem Vokabular hinzugefügt: Sputnik.
(frei nach dem Text des Songs "Sputnik" der britischen Band Public Service Broadcasting vom Album The Race for Space.)

Andreas Weise

Bild vergrößernSputnik-1-Modell in Berlin im Foyer der Rosa-Luxemburg-Stiftung
(Bild: Andreas Weise)
Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Vielleicht sind nur die Briten in der Lage, unverklemmt und mit ehrlicher typisch britischer Sportlichkeit Siege des vermeidlichen Gegners anzuerkennen.

Leider verwischt die Bedeutung mancher geschichtlicher Ereignisse im Laufe der Jahrzehnte. Außerdem ist die Bewertung stark von den jeweiligen aktuellen politischen Sichtweisen geprägt.

Manchmal erlebt man auch den Versuch, dass die Geschichte teilweise oder ganz umgeschrieben werden soll. Und da hört und erlebt man so allerlei. Frei nach dem Motto: „Wer hat's erfunden?“ wurde mir nach einem Vortrag über die Anfänge der Raumfahrt nahe gelegt, ich solle auch den ersten bemannten Flug der Natter als direkte bemannte Raumfahrtgeschichte werten. Zu Erklärung: Die BA-349 „Natter“ war ein bemanntes Raketenflugzeug und sollte als Wunderwaffe im Frühjahr 1945 helfen, die drohende Niederlage abzuwenden. Beim einzigen bemannten Testflug am 1. März 1945 kam der Testpilot Lothar Sieber ums Leben. Man könnte auch sagen, er wurde für eine aussichtslose Sache skrupellos verheizt.

Auch verstummen die Diskussionen nicht, dass der erste geglückte Start einer A4-Rakete am 3. Oktober 1942 in Peenemünde den Beginn der Raumfahrt markiere. Die erreichte Flughöhe betrug ca. 85 Kilometer und kratzte so schon etwas am Weltraum. Und das fast genau 15 Jahre vor Sputnik(!). Nebenbei bemerkt, die A4 war nie für die Raumfahrt, sondern für den Kampfeinsatz gedacht. Jeder, der damals von Raumfahrt gesprochen hätte, lief Gefahr, wegen Wehrkraftzersetzung abgeurteilt zu werden. Als V2 (Vergeltungswaffe 2) bleibt die A4 in der Kriegsgeschichtsschreibung als Terrorwaffe speziell gegen die Zivilbevölkerung von London und Antwerpen in Erinnerung.

Mit der Definition des Beginns der Raumfahrt ist es also so eine Sache …

Als klarer Anfangspunkt ist allgemein der erste Start eines Satelliten in die Erdumlaufbahn anerkannt. Zum sogenannten Internationalen Geophysikalischen Jahr ( International Geophysical Year, IGY, 1. Juli 1957 bis 31. Dezember 1958) hatten sowohl die USA als auch die UdSSR einen entsprechenden Start angekündigt. Niemand im Westen glaubte aber im Ernst, dass die Sowjetunion in der Lage seien würde, dieses ambitionierte Vorhaben zu realisieren.

Andreas Weise

Bild vergrößernSputnik-1-Modelle in London
(Bild: Andreas Weise)
Doch dann passierte etwas, was als Sputnik-Schock in die Geschichte einging. Völlig überraschend startete die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 den ersten künstlichen Erdsatelliten. Das Raumfahrtzeitalter war angebrochen.

Dabei war der erste künstliche Erdsatellit einfach nur ein kleiner Radiosender, der nichts weiter konnte, als sein berühmtes Piep-Piep in den Raum und zur Erde zu schicken. Es war ein Geniestreich des Vordenkers der sowjetischen Raumfahrt Sergej P. Koroljow. Die verwendete Trägerrakete R-7 war ursprünglich als schwere Interkontinentalrakete für sowjetische Atomsprengsätze konzipiert. Nach einigen Fehlschlägen fanden im Sommer 1957 zwei erfolgreiche Teststarts statt. Die Geschosse, gestartet in Baikonur, schlugen im vorberechneten Zielgebiet ein. Der Beweis war erbracht, dass man in der Lage war, das Territorium der USA per Fernrakete zu erreichen. Und die Fracht der Rakete konnte eine Atombombe sein. Eine ungeheuerliche Erkenntnis für alle handelnden Akteure im Kalten Krieg.

Koroljow, der genau wusste, dass seine Raketenentwicklung von der Finanzierung des Militärs abhängig war, gelang mit Sputnik-1 ein genialer Schachzug.

Einerseits „verkaufte“ er den Militärs den Flug des ersten, nur rund 80 Kilogramm schweren, künstlichen Satelliten in der Umlaufbahn als Machtdemonstration sowjetischer Militärstärke. Jeder Ballistiker konnte sich ausrechnen, wie groß die Masse X eines mutmaßlichen Atomsprengkopfs auf einer ballistischen Bahn in Richtung USA seien könnte, wenn ein Körper mit der Masse Y in eine Erdumlaufbahn gelangen konnte. Eine Demonstration der Stärke in aller Öffentlichkeit.

Übrigens werden gerade aktuell wieder verstärkt derartige Überlegungen angestellt. Ballistiker beschäftigen sich mit der Frage, ob ein Raketengeschoss mit bestimmter Leistung, von Nordkorea abgefeuert mit einer Nutzlast definierter Masse, wie zum Beispiel einem Kernsprengkopf, ausgestattet, wirklich amerikanische Interessengebiete oder gar das amerikanische Festland erreichen könnte.

Zurück blickend kann man heute offen sagen, dass die R-7 als Nuklearträger völlig ungeeignet war. Zu groß war der Aufwand für die Startvorbereitung. Sowohl infrastrukturell, als auch hinsichtlich des Zeitaufwands. Ein einziges Mal soll eine R-7 mit einem Atomsprengkopf für einen Kampfeinsatz vorbereitet worden sein. Und zwar während der Kuba-Krise im Herbst 1962. Glücklicher Weise blieb ihr kriegerischer Einsatz aus.

Andererseits wurde die Botschaft vom Beginn der friedlichen Erforschung des Weltalls um den Globus getragen. Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow hatte das enorme Propaganda-Potential sehr schnell erkannt und förderte die Koroljowschen Entwicklungen. Der „Aufhänger“ für den Satellitenstart war schnell gefunden. Wie berichtet, hatte die UN das Jahr 1957 zum Geophysikalischen Jahr ausgerufen. Während man der Sowjetunion allgemein Leistungen im Bereich der Hochtechnologie nicht zutraute, nahm man diese Problematik in den USA auf die ganz leichte Schulter. Die Folge waren Streitereien um Kompetenzen und Geldmittel, sowie Arroganz hinsichtlich der mutmaßlichen eigenen technischen Fähigkeiten. Sie führten dann unweigerlich zum katastrophalen Publicity-Supergau beim spektakulären Fehlstart des ersten US-Satelliten.

Bernhard Dieke

Bild vergrößernSputnik 3 (Innenleben vorne, Hülle dahinter) im Energia-Museum
(Bild: Bernhard Dieke)
Doch auch bei Koroljow lief nicht alles nach Plan. Als Meister der Improvisation konnte er die Unzulänglichkeiten aber ausgleichen. Der für den ersten Flug vorgesehene Satellit war noch nicht fertig und niemand in der Sowjetunion wusste, wie weit die Amerikaner wirklich mit ihren Startvorbereitungen waren. Die Zeit drängte. Ursprünglich war als erster künstlicher Erdsatellit ein 1.327 Kilogramm schweres Objekt vorgesehen. Ein Exemplar dieses Satelliten flog dann später am 15. Mai 1958 als Sputnik 3. Ein erster Startversuch war zuvor gescheitert. Bereits Anfang Oktober 1957 war die erste Trägerrakete startklar, aber die passende Nutzlast fehlte.

Also wurde auf die Schnelle ein einfacher Funksender mit einer für Jedermann empfangbaren Funkfrequenz gebaut. Jeder sollte den Satelliten in der Umlaufbahn hören können. Es sollte keine Zweifel geben. Über den Sender selber soll Boris Tschertok, einer der Stellvertreter Koroljows, gesagt haben: Jeder Bastelzirkel „Junger Pioniere“ hätte diesen Sender bauen können.

Das Piep-Piep des kleinen Senders war schließlich in der Tat rund um den Erdball zu hören. Für die einen kündete der kleine Piepsrich den Beginn eines neuen Zeitalters an, für wenige, speziell Militärs, verbreitete er Angst und Schrecken, war er doch der Beweis, dass kein Punkt auf dem Globus fortan für einen Atomschlag unerreichbar war.

Andreas Weise

Bild vergrößernSputnik-1-Modell im Energia-Museum
(Bild: Andreas Weise)
Wie ging es weiter? Die Geschichte ist allgemein bekannt. Die Amerikaner bündelten ihre bis dahin verzettelten Kräfte in der NASA und strebten in aller Öffentlichkeit den ersten bemannten Weltraumflug an. Doch auch hier wurden sie nur zweiter Sieger, nach dem am 12. April 1961 Juri Gagarin als erster Mensch in Weltraum und Umlaufbahn vorstieß.

Der technische Vorsprung der Sowjetunion in Raketentechnik und -leistung war zu Beginn der 1960er einfach noch zu groß. Erst mit dem Flug von John Glenn 1962 konnten die USA gleichziehen. Es folgte der sogenannte Wettlauf zum Mond, den die USA dank der Aufbietung aller zur Verfügung stehenden öknomischen und technologischen Möglichkeiten gewannen. Raumstationen schlossen sich an, das erste gemeinsame internationale Raumflugprojekt, die Entwicklung der Shuttle-Technologie und so weiter und so fort.

Heute umkreisen unzählige künstliche Himmelskörper unseren Globus. Viele zum friedlichen Nutzen der Menschen. Manche auch nicht so friedlich. Sonden sind zu fernen Himmelskörpern aufgebrochen. Bilder vom Mars sind heute nichts Außergewöhnliches mehr. Die Krönung der Entwicklung der Raumfahrt mag derzeit die ISS darstellen, die Internationale Raumstation. An Bord ist die friedliche Zusammenarbeit Realität und soll uns hier unten auf der Erde ein Beispiel sein.

Und alles begann vor 60 Jahren, als man das Piep-Piep einer kleinen silbernen Kugel hörte, die um die Erde kreiste.

Was kommt?
Schwer zu sagen. Die Raumfahrt hätte sich bestimmt anders entwickelt, wenn nicht einschneidende geschichtliche Ereignisse den Weg bestimmt hätten. Hierzu ist ohne Frage der frühe Tod von Koroljow zu nennen. Seine Pläne sahen vor, bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bemannt zum Mars zu fliegen. Aber auch der Tod von Kennedy hatte Auswirkungen auf die Planungen in den USA. Nach dem Apollo-Programm, dem Sieg im Wettlauf zum Mond und der gelungenen Revanche für den Sputnik fehlte der Wille für die weitere Entwicklung. Gelder und Programme wurden gekürzt. Der Bau der ISS ist dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass er zu einem geschichtlichen Zeitpunkt erfolgte, als alle Seiten, jeweils aus ihrer Sichtweise, den Nutzen der Angelegenheit sahen.

Die Raumfahrt ist im Alltag angekommen und viele wunderbare Dinge werden als selbstverständlich hin genommen. Es gilt jetzt neue Schritte vorwärts zu machen. Diese könnten in Richtung Mond oder Mars gehen. Ideen gibt es und auch Leute, die bereit sind, sie umzusetzen. Vieler Orts fehlt aber der politische Wille. Leider.

Ich möchte es aber auf jeden Fall erleben: Den ersten Menschen auf dem Mars … .

Raumfahrt lebte – und lebt - von Visionen.

Quelle: Andreas Weise
Autor: Andreas Weise

Navigation